Zeit-Schriften?
Zeitschriften, die nicht mehr schriftlich sind, vielmehr virtuell im Internet zugänglich sind, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Und doch ist das die Forderung von Wissenschaftsorganisationen, Bibliothekaren und einzelnen Nutzern: Die bisher nur gedruckt verbreiteten Zeitschriften sollen auch elektronisch verfügbar sein. Zur Sicherheit und für den Lesekomfort soll es die gedruckte Version aber weiterhin geben.
Die Forderung ist verständlich: Den Bibliotheken bleiben auf diese Art unzählige Ausleihvorgänge erspart, die archivierten Druckstücke werden nicht durch vielfaches Fotokopieren beschädigt, die Wissenschaftler kommen auf Knopfdruck an die gesuchten Texte. Aber: Wer soll den damit verbundenen Mehraufwand bezahlen? Schließlich müssen die Texte nicht nur wie bisher ausgewählt, redigiert und ordentlich gestaltet werden. Hinzu kommt jetzt, sie in ein stabiles und transportfähiges Datenformat zu bringen, sie schnell zugänglich vorzuhalten, gegebenenfalls den Zugang zu überwachen und die Auffindbarkeit durch Hyperlinks möglichst komfortabel zu gestalten.
Die Grundfrage der Bezahlung wissenschaftlicher Texte stellt sich mit der neuen Technik neu: Was sollen die Autoren der Texte (die im Bereich der Wissenschaft von der Publikation anderweitig profitieren) und was die Nutzer der Texte (gegebenenfalls per Bibliotheksbeschaffung) bezahlen? Die erste Möglichkeit wird heute unter dem Stichwort Open access diskutiert, für die zweite gab es in der Vergangenheit das Geschäftsmodell des Abonnements: Im Vertrauen darauf, daß die Zeitschrift auch in Zukunft Relevantes zu einem erklärten Programm bringt, wurden die Kosten der Redaktion, Produktion und des Vertriebs von den Nutzern im Voraus bezahlt. Durch den solchermaßen gebündelten Vertrieb konnten die immer spezielleren Einzelerkenntnisse kostengünstig vertrieben werden. Das ist, denke ich, der ökonomische Grund für den Aufstieg der Zeitschriften zum Leitmedium der Wissenschaften seit dem 19. Jahrhundert.
Viele meinen, in Zeiten des Internets hätte das ›alte‹ Abonnement ausgedient, Aufsätze gehörten in große, frei zugängliche Portale gestellt, zum kostenlosen Herunterladen. Ich glaube nicht daran. Selbst wenn viele Artikel heute punktuell aufgesucht werden, bleibt ihr Kontext wichtig, und zwar nicht nur in der Wahrnehmung, sondern bereits in der Entstehung. Das Programm einer Zeitschrift ist für die Herausgeber unabdingbar und für die Autoren ebenso anregend wie für die Leser. (Von den Qualitätssignalen einmal ganz abgesehen!)
Wie kann und soll aber ein ›neues‹ Abonnementsmodell unter den neuen Voraussetzungen aussehen?
Ich denke, erstens sollte es sich am Bewährten orientieren. Zweitens sollte es für unterscheidbare Nutzergruppen unterschiedliche Preise geben, die sich in klarer und übersichtlicher Weise nach der typischen Nutzungsintensität richten: Für einen privaten Abonnenten, der die Zeitschrift bei sich zuhause stehen hat und nur selbst gelegentlich elektronisch zugreift, ist ein anderer Preis angemessen als für eine Bibliothek, die einen ganzen Campus mit einer Vielzahl von Nutzern bedient und ihnen automatisch den elektronischen Zugang ermöglicht. Und drittens sollten große Universitäten mit Zehntausenden Nutzern und Verbünde mehrerer Universitäten, die gemeinsame Netze betreiben, sich im Hinblick auf ihre vermutlich höhere Nutzungsintensität auch entsprechend höher beteiligen.
So erklären sich die teilweise gespreizten Preise auf Seite ##. Ob diese Preise als fair empfunden werden, das werden wir sicher zu hören bekommen — hoffentlich nicht nur von denen, die sie nicht fair finden.
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier 3/2004 im September 2004.]










