Wie gebunden darf’s denn sein?
Zu Beginn des wissenschaftlichen Verlegens, im 18. und 19. Jahrhunderts vertrieb der Buchhändler, der ja zugleich Verleger war, seine Bücher in Rohbogen oder in einfachster Heftung. Durch Papier und Druck bestimmte er deren handwerkliche Qualität. Der Einband war dann Sache des Kunden. Der ließ sich das auch nicht nehmen, weil er die Bücher in seiner Bibliothek (oft sehr einheitlich) nach eigenem Geschmack binden lassen wollte, egal wer sie verlegt hatte.
Im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert änderte sich das dann mit dem Aufkommen der industriellen Buchbinderei. Wenn dort einige hundert Bände auf einmal gefertigt wurden, war das viel billiger als die handgebundenen Einzelexemplare. So kam es zu der Praxis, die ich noch in den 1970er Jahren gelernt habe: Eine Bibliotheksbestellung ohne Einbandangabe wurde ohne Rückfrage mit der einfachsten fest gebundenen Ausgabe ausgeführt. Die ist in jedem Fall viel billiger, als die spätere Handbindung auch nur eines kleinen Teils der broschiert gekauften Bände – einmal abgesehen davon, daß die oft garnicht mehr möglich ist, weil die Bögen für die Klebebindung im Bund zerschnitten oder zerfräst wurden.
Die neue Armut der Bibliotheken hat zu einer Änderung dieser Präferenz geführt. (Oder steckt die sinkende ‚Halbwertzeit‘ von Büchern, auch in den vermeintlich so nachhaltigen Geisteswissenschaften dahinter?) Ganz offen geben manche Einkäufer zu erkennen, daß sie lieber jetzt weniger ausgeben wollen, selbst auf Kosten der Bindequalität. Sie nehmen dabei in Kauf, daß manche Bücher (es sind ja so wenige!), die häufiger als erwartet genutzt werden, sich später nur mit sehr großem Aufwand restaurieren lassen. Man kann man sie ja dann einscannen oder nachdrucken!
Wie soll ein Verlag, der an die dauerhafte Relevanz seiner Bücher glaubt, der deshalb den inneren Qualitäten auch äußere hinfügen will, sich zu einer solchen Auffassung stellen? Sie zu ignorieren, geht nicht, denn die Bibliotheken sind in dieser Hinsicht unsere sachkundigsten Kunden und auch die, die die meisten unserer Bücher kaufen. Ihr einfach folgen, geht auch nicht, denn wir würden damit unseren Anspruch auf das, was wir tun und wie wir es tun, aufgeben.
Mohr Siebeck hat seit Jahren die ‚fadengeheftete Broschur‘ in Zusammenarbeit mit Buchbindern, Papier- und Leimlieferanten fortentwickelt: Am Bund unverletzte Bögen werden mit Fäden dauerhaft verbunden; als Umschlagkarton wird eine besonders weiche, langfaserige und dadurch zähe Sorte verwendet; die Verbindung mit dem Buchblock besteht aus möglichst dünnem und dauerflexiblem Kleber. All das führt dazu, daß solche Bücher sich fast ebenso gut aufschlagen lassen wie Deckenbände. Für sehr viele Werke, zu denen ein ‚richtiger‘ Einband aus Kosten- oder anderen Gründen nicht paßt, ist das auch im Blick auf eine lange und intensive Nutzung vertretbar: Es können sich keine einzelnen Blätter lösen; das Buch läßt sich immer noch ‚ordentlich‘ in eine Einbanddecke binden. Selbst wenn sie mit der Zeit äußerlich unansehnlich wird, bleibt der Inhalt einer solchen Broschur recht gut geschützt: der breite Papierrand bietet eine widerstandsfähige ‚Knautsch- und Fleckzone‘.
Trotzdem bleibt der Deckenband, vorzugsweise mit Gewebeüberzug zum Schutz und zur starken und flexiblen Ausführung der Gelenke, die Bindung der ersten Wahl für solche Bücher, die entweder zu dick sind, um sich als Broschur gut handhaben zu lassen, oder für solche Bücher, die sehr häufig in die Hand genommen werden und deshalb besonderem Verschleiß ausgesetzt sind. Handbibliotheken aus krummgelesenen ‚Paperbacks‘ sind eigentlich ein Widerspruch in sich!
Die Frage: „Welche Einbandart für welches Buch?“ ist neuerdings wieder schwieriger zu beantworten. Der Verlag muß sie aber beantworten, bevor die Kunden bestellen – oder eben nicht. Es erweist sich also auch beim Binden: Wer disponiert, muß die Wünsche seiner Kunden kennen. Reden wir also weiter miteinander!
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier 1/2005 im Januar 2005.]










