Wert und Rang einer Zeitschrift
Jetzt ist das Wort ›Krise‹ in aller Munde. Gemeint ist damit das Platzen einer gigantischen Spekulationsblase und die Folgen davon. Zuviel Geld wurde über Jahre hinweg für Dinge bezahlt, die sich plötzlich als weniger wertvoll erweisen als angenommen. Nun ist das Geld weg und das Vertrauen in die vermittelnden Institutionen geschwunden. Gibt es da möglicherweise Parallelen zu der seit längerem beklagten ›Zeitschriftenkrise‹ in den Wissenschaften?
In der letzten ZEIT wird berichtet über eine Zeitschrift, in der sich ein Herausgeber vor allem selbst gefeiert habe, und für die arglose Bibliotheken Jahr um Jahr mehrere Tausend Euro Abonnementspreis bezahlt haben. Die Zeitschrift sei international, ihr Impact factor sei freilich durch Tricks manipuliert und das Prinzip des Peer review missachtet worden. Und schließlich wird süffisant bemerkt: Diese Zeitschrift sei in einem jener Wissenschaftsverlage erschienen, die sich doch so viel auf ihre Funktion als Hüter der Qualität einbilden.
Dieser Fall taugt sicher nicht zur Verallgemeinerung, aber er taugt dazu, einige Probleme aufzuzeigen, die zu der ›Zeitschriftenkrise‹ möglicherweise beigetragen haben. Fangen wir von hinten an: Das Ganze ist im weltweit größten Wissenschaftsverlag passiert, der sich wie die anderen großen Verlage seit Jahrzehnten ein immer größeres Portfolio von Zeitschriften zusammengekauft und gegründet hat. Mit dieser großen Zahl von Zeitschriften lag es nahe, andere Geschäftsmodelle als das herkömmliche Abonnement einzelner Zeitschriften zu entwickeln und mit einzelnen Universitäten und mit Konsortien über ganze Zeitschriftenpakete zu verhandeln und Vereinbarungen zu treffen, die den Verlagen ihre Einnahmen und den Bibliotheken Zugang zu den digitalen Ausgaben weiterer Zeitschriften sicherten. Gut möglich, dass bei diesen Entwicklungen (typischerweise auf dem Gebiet von ›Big science‹) die Prüfung der einzelnen Titel etwas zu kurz kam. Jedenfalls was Verlage angeht, ist Größe also kein Maß für Qualität.
Und wie ist das mit dem Kriterium Refereed journal? Darunter versteht man gemeinhin Zeitschriften, die eingereichte Manuskripte erst nach der Prüfung durch mehrere (dem Autor gegenüber anonym bleibende) Wissenschaftler des gleichen Faches veröffentlichen. Wahrscheinlich wären durch einen solchen Prozess etliche anstößige Artikel in der erwähnten Zeitschrift verhindert worden, und sicher werden dadurch weltweit viel Unsinn und viele Dubletten verhindert. Aber verführt die Anonymität nicht dazu, sich auch von Neid und Missgunst leiten zu lassen? Davor schützt doch allenfalls, dass ein namentlich genannter Herausgeber, dem folglich seine Entscheidungen zugerechnet werden, die Peers bestimmt, die da referieren, und ihrem Rat folgt oder eben nicht. Insofern wird ein namentlich bekanntes Gutachtergremium, das eine genügend große Meinungsvielfalt aufrechterhält, mindestens genauso gut für nachhaltige Qualität sorgen können. Gegen die absolute Forderung nach dem geschilderten Referee-Verfahren spricht auch, dass es Zeitschriften, die eine aktive Programmpolitik betreiben, die also Autoren zu bestimmten Themen geradezu einladen, danach gar nicht geben dürfte. Gerade das können aber die besten und innovativsten Zeitschriften sein.
Kommen wir zu dem vermeintlich besonders objektiven Kriterium, dem Impact factor. Er wird ohne Ansehen des Inhalts ›bibliometrisch‹ gemessen und auf drei Stellen hinter dem Komma ausgerechnet. Die Formel lautet: Zahl der Zitate in allen beobachteten Zeitschriften im laufenden Jahr auf Artikel der beurteilten Zeitschrift aus den vergangenen zwei Jahren geteilt durch die Zahl der in der beurteilten Zeitschrift in den letzten zwei Jahren veröffentlichten Artikel. Ganz neue Zeitschriften werden also gar nicht bewertet; Zeitschriften mit Inhalten, die nach zwei Jahren immer noch oder überhaupt erst zitiert werden, werden weit unterbewertet; Zeitschriften, die anders als auf Englisch erscheinen oder die keine vergleichbaren Konkurrenzorgane haben, die auf sie verweisen könnten, ebenso. Die suggerierte Exaktheit und Verlässlichkeit ist also eine Chimäre!
Und wie ist es schließlich mit der Internationalität bestellt? Für sich genommen hat sie mit der Qualität einer Zeitschrift nur höchst indirekt zu tun. Sie kann eine notwendige Bedingung dafür sein, eine hinreichend große Zahl an Autoren und Gutachtern zu gewinnen. Das gilt vor allem in Wissenschaften, die sich aus verschiedenen Gründen internationalisiert haben. Da müssen sich Wissenschaftler, junge wie ›gestandene‹, international sichtbar machen. In Wissenschaften hingegen, in denen nicht-englische Begriffe und Diskussionen wichtig sind (beispielsweise in Philosophie und Rechtswissenschaft) bedeutet die oft geforderte Publikationssprache Englisch, dass Autoren unter ihrem eigentlichen Niveau bleiben. So kann die lingua franca Englisch auch ein Hindernis für Qualität sein. Als Kriterium für den Wert des Abgedruckten taugt sie also nicht.
Fazit: Wer Wert und Rang einer Zeitschrift nach einfachen Formeln misst, sitzt möglicherweise einem großen Irrtum auf. Entscheidend ist immer noch, was ›drin‹ ist, also was sie und wie sie es veröffentlicht. Als Indikator für Qualität mag allenfalls gelten, dass sich jemand diese persönlich zurechnen lässt, sei es als Herausgeber oder als Verlag.
Georg Siebeck
[geschrieben für den Mohr Kurier 1/2009 im Januar 2009.]










