Warten auf Bücher
Wer Bücher veröffentlicht, sollte sie bekannt machen, bevor es sie gibt, denn viele wollen sie dann sofort haben. Aber zwischen Ankündigung und Erscheinen sollte auch nicht zu viel Zeit liegen, sonst gibt es Rückfragen, die für alle Beteiligten ärgerlich sind und die Freude auf das Erwartete schrumpfen lassen. Zwischen diesen gegensätzlichen Anforderungen bewegt sich der ankündigende Verlag und ist dabei auf zeitliche Schätzungen eines mehrstufigen Herstellungsprozesses mit vielen Unbekannten angewiesen.
Beim früher üblichen Satz ging ein Buch oft durch mehr Hände, aber eine davon war geübt und für den Verlag berechenbar: die des Setzers. Heute werden zunehmend mehr die Textdaten des Autor verwendet. Er ist in der Sache Experte, ist aber in der Technik der Texterfassung und gar der Korrektur und Formatierung schwer berechenbar. Entsprechend schwer vorhersehbar ist, wie lange es braucht, das elektronische ›Manu‹-Skript in gesetzten Text zu verwandeln, Korrektur zu lesen und diese auszuführen. Die Bandbreite ist jedenfalls sehr groß, und so gibt es heute Bücher, die vom Einreichen des überarbeiteten, satzfertigen Manuskriptes bis zum fertigen Umbruch nur drei bis vier Wochen brauchen, andere brauchen wie früher drei bis vier Monate oder gar länger. (›Umbruch‹ ist die weitgehend endgültige Seiteneinteilung, nach der dann erst das Register gemacht werden kann.)
Es sind also die ›schnellen‹ Bücher, die die Planung schwieriger machen als früher: Damit sie die Ankündigung nicht überholen, muß letztere oft erscheinen, bevor der weitere Herstellungsgang und seine Beteiligten hinreichend einschätzbar sind.
Die alten Probleme, die zu Verzögerungen führten, sind immer noch die gleichen: Ein wissenschaftlicher Autor muß auf seine Priorität achten, wird also im Zweifel immer auf frühe Ankündigung drängen und er wird einem etwas später als unbedingt nötigen Erscheinungstermin nur selten zustimmen. Er möchte verständlicherweise sein Buch auf dem letzten Stand der Wissenschaft erscheinen lassen; der kann sich seit Abfassung des Manuskriptes geändert haben, was dann aufwendige Änderungen im Satz zur Folge hat. Er wird höchst selten die Korrektur und das endgültige Imprimatur einem Verlagslektor übertragen, vielmehr selbst ein zweites und auch drittes Mal kontrollieren wollen. Schließlich brauchen wissenschaftliche Bücher auch noch die zur Benutzung unentbehrlichen Register, die erst nach allem anderen endgültig angefertigt, gesetzt und korrigiert werden können.
Wer sich diese Probleme vor Augen hält, dem erscheint es fast wie ein Wunder, daß viele Termine doch einigermaßen eingehalten werden (und auch der Kostenrahmen). Ich meine: Das ist vielmehr Anlaß zur Bewunderung der Verlagshersteller, die gelernt haben, auf einer so vielfältigen Klaviatur der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu spielen und uns zwar machmal warten lassen, aber höchst selten vergeblich!
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier 2/97 im Mai 1997.]










