Vom Wert der Geisteswissenschaften
Am Ausgang der Menschheit aus ihrer womöglich selbstverschuldeten Unmündigkeit standen drei große Fragen. Erstens: »Was können wir wissen?«, zweitens: »Was dürfen wir hoffen?« und drittens: »Was sollen wir tun?« Die Antworten darauf fallen heute sicher anders aus als damals, leichter fallen sie deshalb nicht.
Der Umfang des menschlichen Wissens hat seit den Zeiten der Aufklärung exponentiell zugenommen, und vieles spricht dafür, dass er ebenso weiter zunehmen wird. Das gilt insbesondere für das Wissen um die uns umgebende Natur, aber auch um uns selbst, insofern wir Teil derselben sind. Die Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften und in ihrer Folge der Technologien zu ihrer Nutzbarmachung hat uns Möglichkeiten des Wissens und des Gestaltens unserer Umwelt beschert, die sich ein Kant niemals hätte träumen lassen. Sie hat uns aber auch damals unvorstellbare Probleme beschert; und zwar nicht nur in der realen Welt, sondern auch in der Welt des Wissens.
Je weiter wir mit unserem Wissen fortschreiten, umso spezieller werden neue Erkenntnisse fast zwangsläufig. Deshalb ist die Ausdifferenzierung der Wissenschaften und ihre immer weiter fortschreitende Spezialisierung eine notwendige Voraussetzung für ihren Erfolg. Das hat seinen Preis: Immer weniger Leute wissen immer genauer Bescheid über immer weniger, und das schafft erhebliche Probleme bei der Bewertung des jeweils neuen Wissens. Die jeweilige Wissenschaft versucht das durch das Prinzip des Peer reviews oder durch Statuserwerb in Peer groups zu lösen. Um den Verdacht nicht aufkommen zu lassen, dass sich hier Insider gegenseitig hochloben, muss eine so organisierte Wissenschaft erstens nach allgemeineren Theorien trachten, die die jeweils neuen Einzelerkenntnisse im eigenen Fach in einen größeren theoretischen Zusammenhang stellen, und sie muss zweitens ihre Ergebnisse und die Erfordernis ihrer weiteren Förderung auch über die Grenzen ihres Faches hinaus erklären und plausibel machen.
Das ist ein aus meiner Sicht wichtiger Grund dafür, dass mit öffentlichen Mitteln geförderte Wissenschaft vorzugsweise an Universitäten mit einem kompletten Fächerkanon stattfinden sollte, wo sie dem Rechtfertigungsdruck der Nachbarwissenschaften ausgesetzt ist. Deshalb sollten auch reine Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Institute an eine Universität insoweit angebunden sein, dass sie der kollegialen Kritik nicht entweichen können. Der nicht-wissenschaftlichen Öffentlichkeit können nämlich gerade die jeweils anderen Wissenschaften dabei helfen, die Ergebnisse der einen Wissenschaft zu bewerten.
Die Naturwissenschaften haben in den letzten Jahrhunderten zwar nur wenige grundsätzliche aber geradezu unglaubliche und unglaublich viele neue Antworten auf die erste unserer Ausgangsfragen geliefert, und sie fordern zur Lieferung von noch mehr davon einen immer größeren Anteil an den Mitteln der Wissenschaftsförderung.
Auf die zweite und dritte unserer Ausgangsfragen gab es seither vergleichsweise wenig neue Antworten. Die mit Mitteln der Wissenschaft zu finden, ist womöglich schwieriger, denn diese Fragen kann kaum einer für alle verbindlich erforschen und kann letztlich jeder nur für sich selbst beantworten. Eine wissenschaftliche Beschäftigung damit erforscht also eher gewesene, gegenwärtige und denkbare zukünftige Möglichkeiten, mit solchen individuellen Hoffnungen und Handlungen gedeihlich zusammenzuleben. Auch das Wissen darüber ist inzwischen unglaublich angewachsen und differenziert. Eindeutige, gar messbare Ergebnisse sind von den Wissenschaften, die das erforschen, aber nicht zu erwarten. Das macht es ihnen schwer, sich im Wettbewerb der Wissenschaften um Fördermittel durchzusetzen. (Und das macht es auch notwendig, dass sie ihre Ergebnisse auf mehr als ein paar Seiten darlegen.)
Aber sind diese Geisteswissenschaften oder vielleicht – dem Englischen entlehnt – Humanwissenschaften deshalb weniger wertvoll? Ich denke: nein. In einer Welt, in der dank des Fortschritts der Naturwissenschaften immer mehr Menschen leben, schneller reisen und kommunizieren und in furchtbar gesteigertem Maße sich gegenseitig umbringen können, ist ein rationaler Diskurs über die von ihnen erforschten und vorgelegten Mythen, Erklärungen, Argumente und Regelvorschläge wichtiger denn je.
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier 2010/1 im Januar 2010.]










