Vom Suchen und Finden in Büchern

Schöne Literatur lebt vom Erlebnis des Lesens, ja sie ist in erster Linie dazu da.  In der Wissenschaft ist, wie in der Werbung, das Schreiben und Lesen eher Mittel zum Zweck, zum intersubjektiven Austausch und zur Überprüfung von Gedanken, und zwar über den Raum und über die Zeit hinweg.  Deshalb wird es auch in Zukunft auch in der Wissenschaft noch Bücher geben, denn größere Gedankengebäude lassen sich kaum anders darstellen.  Und deshalb wird die Fertigkeit, mit Ihnen umzugehen, auch in der Wissenschaft weiter nötig sein, denn auch die wachsenden „digitalen Bibliotheken“ werden die Bücher selbst nicht entbehrlich machen.  Wir sind nun einmal so gebaut, das wir das, was wir be-greifen können, auch besser begreifen.  Neuere Forschungen haben das wieder einmal bestätigt.  Fragt sich nur, wieviele noch die Zeit und Geduld haben, sich auf ganze Gedankengebäude einzulassen.

Der Wissenschaftler, anders als der Leser von Literatur, will aber auch einen möglichst schnellen und genauen Zugriff auf die Argumentation des Buchautors zu seinem, des Suchenden Thema.  Man könnte böse sagen:  Keiner will den Kollegen – und damit Konkurrenten – ganz lesen, sich vielmehr schnell seinen eigenen Reim darauf machen und flugs was eigenenes schreiben.  Das, so könnte man weiter ketzerisch behaupten, ist das eigentliche Motiv hinter der Forderung des Wissenschafts­rats, alle Forschungsergebnisse müßten auch digital zugänglich gemacht werden.  So ließen sie sich punktgenau abfragen, und das auch noch „ohne Systembruch“ (der die am Computer denkenden womöglich in für sie unüberwindliche Abgründe stürzen läßt).

Aber wieviel besser haben es doch die, die mit einem Buch umzugehen gelernt haben!  Da ist erst einmal ein ordentlicher Deckel, mit dem Inhalt fest verbunden, der im Stehen oder Liegen Auskunft darüber gibt, was sich denn drinnen befindet.  Er hat, da individuell gestaltbar, auch eine „Anmutung“ und somit einen enormen Wiedererkennungswert.

Und innen geht es so weiter:  Vorne ist ein Inhalts­ver­zeich­nis, aus dem die Gliederung der Gedanken hervorgeht, hinten sind Register, die nach unterschiedlichsten Kriterien, je nach Gegenstand des Buches, dem Autor oder dem Registermacher besonders wichtig erscheinende Stellen des Buches zu einer langen Liste von Begriffen, Namen, Orten, Titeln, Zitaten verzeichnet.  Das ist etwas anderes, als das Ergebnis einer Computersuche, es funktioniert aber blitzschnell, ohne Strom und ohne Abstürze.

Und dann erst innerhalb der Argumentation:  Kapitel, Abschnitte, Unterabschnitte sind mit abgestuften Überschriften versehen, die den Text (und eventuelle Abbildungen) übersichtlich portionieren.  Den Ort in der Gliederung, in der er oder sie sich befindet, kann Leser an einer bestimmten Stelle jeder Seite als „lebender Kolumnentitel“ immer auf den ersten Blick finden.  So kann innerhalb des Buches auch auf größere (oder kleinere) Sinneinheiten verwiesen werden, nicht nur auf Seiten, und nur blätternde Leser können sich einen ersten Eindruck machen.

Umschlag, Einband, Papier, Typographie flößen nach wie vor mehr Vertrauen dazu ein, sich auf einen wirklich neuen Gedanken einzulassen.  Aber auch zum schnellen Finden zumal in bereits flüchtig bekannten Büchern gibt es jahrhundertealte, ohne viele Erklärungen intuitiv funktionierende „tools“.  Vorausgesetzt natürlich, daß Autor und Verlag sie ordentlich eingerichtet haben.

Es ist ein bißchen wie Eisenbahn und Flugzeug:  Bequemer ist die Bahn, man lernt auch mehr unterwegs, deshalb ist sie auf vielen Strecken die erste Wahl – vorausgesetzt, sie ist gut organisiert.

Georg Siebeck

[Geschrieben für den Mohr Kurier 3/2001, September 2001.]

 

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