Übersetzen für die Wissenschaft

Im Mittelalter war das Latein die lingua franca der Wissenschaften: Keiner sprach es als Muttersprache, jeder musste es sich zur internationalen Verständigung erst aneignen. Heute ist das internationale Idiom das Englische: Für viele Menschen ist es Muttersprache, aber für die meisten ist es doch eine Fremdsprache. Die neue lingua franca ist also in einem ihrer schönen Ausdrücke a mixed blessing, zumal für diejenigen, die sie nicht von klein auf kennen.

Ein unbestreitbarer Vorzug des Englischen ist, dass es sich in seinen Grundzügen sehr leicht erlernen lässt, dass es also relativ leicht ist, einen ersten Wissensdurst an den reichlich sprudelnden, englischsprachigen Quellen zu stillen. Um selbst zu diesen Quellen beizutragen, um sich im Englischen auszudrücken, noch dazu in Sachzusammenhängen adäquat auszudrücken, in denen begriffliche und sprachliche Traditionen eine große Rolle spielen, bedarf aber auch diese vermeintlich leichte Sprache eines hohen Maßes an Gewandtheit, wenn man sich vor Kennern nicht blamieren will.

Aus dieser zweiten Erkenntnis hat das Auswärtige Amt nach der stillen Beerdigung eines früheren Programms, man möchte fast sagen: endlich!, ein neues Programm zur Förderung von Übersetzungen deutscher Wissenschaftsliteratur ins Englische aufgelegt. Schnelle Wirkung darf man sich von so etwas nicht versprechen; aber mit Sicherheit wird das die Wirkung und das Ansehen zumal der deutschen Geisteswissenschaften in der Welt zu verbessern helfen.

Doch kehren wir zurück zur Leichtigkeit des Trinkens an den englischsprachigen internationalen Quellen: Sie entpuppt sich dann als trügerisch, wenn man Vieles oder wenn man Differenziertes wissen will. Da geht das Lesen für den Nicht- Muttersprachler doch recht langsam, und nur wer bereits ein sehr gutes Vorverständnis der Sache mitbringt, begreift eventuelle feine Nuancen. Für umfangreiche oder für sprachlich differenzierte Werke sind also Übersetzungen auch aus dem vermeintlich leichtverständlichen Englischen hochwillkommen. Die gibt es aber in vielen Wissenschaften kaum noch: Sowohl besonders dicke als auch besonders schwierig zu übersetzende Werke werden wegen der hohen damit verbundenen Kosten heute kaum mehr übersetzt. Übersetzt werden nur noch solche Bücher, denen eine sehr hohe Auflage zugetraut wird (meist 'Krawallbücher' mit einer einfachen oder angeblich sensationellen Botschaft), oder solche, deren Übersetzung aus politischen oder weltanschaulichen Gründen gefördert wird, meist von einer dem Autor oder seiner Position nahestehenden Organisation.

Vor zehn, zwanzig Jahren war das noch anders. Da gab es beispielsweise für die wichtigen Werke der amerikanischen Politischen Ökonomie bei den deutschen Studenten noch einen Markt, der solche Übersetzungen aus Verlagsmitteln kalkulierbar machte. So wurden diese Werke und vor allem auch ihre Begriffe von gründlich darüber nachdenkenden Übersetzern ins Deutsche übertragen und fanden so dann auch den Weg in deutschsprachige Diskussionen. Heute gibt es diesen Markt nicht mehr, weil die Studenten schon sehr früh dazu angehalten werden, die englischsprachigen Originale zu lesen. Nichts gegen die Originale, aber wenn keiner mehr die auf einem Titelblatt sichtbare Verantwortung dafür übernimmt, für die neuen Begriffe der angloamerikanischen Wissenschaftssprache deutsche Öquivalente zu prägen, dann gibt es diese einfach nicht mehr. Da ist es kein Wunder, dass hierzulande wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Diskurse in einer außerhalb des wissenschaftlichen Ghettos kaum verständlichen Mischsprache stattfinden, und dass konsequenterweise die allgemeine Presse über die Jahrestagungen des 'Vereins für Socialpolitik' nicht mehr berichtet. Für die öffentlichen Debatten über unsere wahrlich gravierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme bleiben damit die internationalen Erkenntnisse weitgehend unberücksichtigt.

So gesehen leisten wissenschaftliche Übersetzungen ins Deutsche, genauer: die Übersetzerinnen und Übersetzer, die sich dieser Aufgabe unterziehen, einen wichtigen Dienst vor allem an der jeweiligen Wissenschaft. Leider wird diese besondere Leistung viel zuwenig anerkannt. Aus meiner Sicht sind hier die deutschen wissenschaftlichen Gesellschaften gefragt. Mit besonderen Anerkennungen, gar mit einem Förderprogramm für Übersetzungen ins Deutsche, könnten sie Ansehen und Wirkung ihrer Wissenschaften in der Öffentlichkeit wesentlich mehr verbessern als durch noch einen weiteren Preis für verdiente Emeriti aus den eigenen Reihen.

Womit ich nichts gegen verdiente Emeriti gesagt haben will.

Georg Siebeck

 

[Geschrieben für den Mohr Kurier 2/2008 im Mai 2008.]

 

Nach oben | Zur Übersicht