Sammlungen unter Druck
In Zeiten knapper Bibliotheksetats und technischen Fortschritts bei der Verbreitung einmal gedruckter Texte geraten Sammlungen von bereits vervielfältigten Texten zunehmend unter Kalkulationsdruck. Schon früher waren Aufsatzsammlungen eines Gelehrten, schwer zu verkaufen; heute gilt das noch einmal verschärft. Dabei haben sich die Randbedingungen eher noch ausgeprägt, die überhaupt dazu führten, daß dieser Buchtyp entstand und immer öfter entstand.
Die Forschung wird auf allen Gebieten immer spezieller, die Fortschritte werden immer schneller und detaillierter. Das angemessene Medium für die Mitteilung dieser Forschungsergebnisse ist nicht mehr das Buch, sondern der Zeitschriftenaufsatz. Ein Aufsatz ist auch unter den heutigen Umständen von Forschung und Lehre eher fertigzustellen und zum Druck zu befördern als ein ausgewachsenes Buch.
Die Zusammenschau verschiedener Einzelprobleme eines Fachs, eine wichtige Fähigkeit des geübten Meisters, gerät dadurch ins Hintertreffen. Das kann auch nicht ganz durch Lehrbücher wettgemacht werden; zumal nicht durch solche auf Anfängerniveau, denn die müssen notwendigerweise mit einer sehr „gestandenen“ um nicht zu sagen: konventionellen Stoffeinteilung arbeiten. Es gibt also außer dem verständlichen Wunsch des Autors, seine Gelegenheitsschriften miteinander dauerhafter zu verbinden, noch einen didaktischen Grund für „Gesammelte Aufsätze“. Um dem letzten gerecht zu werden, sollte die Auswahl der Texte strikt nach diesem Bedürfnis erfolgen, sollte als roter Faden durch die Sammlung in einer ausführlichen Einleitung die besondere Methode oder Betrachtungsweise ex post erläutert werden; und es sollten die für ein systematisches Buch in diesem Fach üblichen Register beigegeben werden, was oft nur der Autor selbst machen kann.
Doch was ist, wenn der Autor nicht mehr kann oder nicht mehr lebt? Dann wird das Sammeln schon schwieriger, denn wer von den unmittelbaren Schülern traut sich schon zu, aus den Werken des großen Lehrers auszuwählen, denn das heißt auch: streichen. So bleiben „Gesammelte Werke“ oder „Gesammelte Schriften“, wenn nicht noch zu Lebzeiten begonnen, oft genug der Enkelgeneration als Aufgabe über. Bis dahin ist das Gedankengebäude des Autors möglicherweise vergessen, hat sich die ganze Sache erledigt.
Doch welche Art Ausgabe braucht die weitere Wissenschaft von den Schriften eines der ihren? Die Editions-Spezialisten sagen: Natürlich eine „historisch-kritische Gesamtausgabe“, das heißt, eine Ausgabe, die den Entstehungszusammenhang aufzeigt, und die verschiedene Bearbeitungsschichten und Fassungen textkritisch vergleicht. Aber ist bei wissenschaftlichen Schriften anderes als das Endergebnis so viel Mühe wert? Ist eine solche Ausgabe nicht oft genug eher abschreckend als einladend, den fraglichen Autor zu lesen?
Um schließlich zum Anfang zurückzukehren: Sind Sammlungen und Ausgaben überhaupt noch sinnvoll in einer Welt, die immer mehr bestimmt wird von digitaler Kommunikation? Müßten nicht einfach alle Texte digital (und möglichst umsonst) zugänglich sein und das genügt?
Ich glaube, das genügt dann und nur dann, wenn es darum geht, den fraglichen Autor als punktuellen Zeugen für eigene Theorien auzunutzen. Wer aber etwas von ihm lernen will, muß hingegen seiner Argumentation folgen, und zwar über mehr als eine oder zwei Seiten und gegebenenfalls über einen längeren Zeitraum des Lernens, Lehrens und Schreibens des Autors hinweg.
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier 3/2001 im Mai 1999.]










