Profession oder Programm
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der gemeinsame Verband der Buchhändler, Zwischenbuchhändler und Verleger, feiert in diesen Tagen sein 175. Jubiläum. Es gibt ihn immer noch, trotz der widerstrebenden Interessen einzelner in ihm vereinter Gruppen. Seine Gründungsmitglieder sind aber nicht nur als natürliche Personen ausgestorben; auch als Firmen existieren nur noch einige wenige.
Die Vielfalt der Gründungsmitglieder war im Jahre 1825 noch selbstverständlich: Fast jeder Buchhändler war zugleich auch Verleger und umgekehrt. Das galt besonders für den Bereich der Wissenschaft: Die Universitätsbuchhändler ließen drucken und verkauften vor allem die Bücher der Professoren ›ihrer‹ Universität. Auf den Messen traf man sich, um Bücher gegen diejenigen aus anderen Universitätsstädten zu tauschen. Die nahm man dann über die diversen Währungs- und Zollgrenzen selbst mit nach Hause, um sie dort zu verkaufen.
Mit dem Fall der Zoll- und Ländergrenzen und dem Ausbau der Verkehrswege entfielen diese Naturalgeschäfte, die bisher familiären Messen wurden professioneller.
Für den lokalen Universitätsbuchhändler verringerten sich die Einkaufsbarrieren. Über den allgemeinen Umschlagplatz Leipzig konnte er darüberhinaus praktisch jedes Buch mit kalkulierbaren Beschaffungskosten besorgen.
Für den überregional arbeitenden Verlag vergrößerte sich der Absatzmarkt. Er hatte aber gegenüber früher ein Problem: die persönliche Bekanntschaft mit dem Autor war meist nicht gegeben, es mußten also andere ›vertrauensbildende Maßnahmen‹ ergriffen werden. Eine ganz wichtige (weil auch für potentielle Kunden wirksame) war das ›Programm‹, das den Verlag nach beiden Seiten hin sichtbar, erkennbar, ja fast berechenbar machte, selbst wenn dort nur seine Bücher oder gar nur deren Titel bekannt waren. So entstanden die ersten der noch heute bekannten wissenschaftlichen Spezialverlage.
Nach dem ersten Weltkrieg war der Markt für Wissenschaften räumlich und finanziell geschrumpft, nach dem zweiten anfangs garnicht mehr existent. Vor allem ging es erst einmal wieder her wie 100 Jahre zuvor: Jede Besatzungszone hatte ihr eigenes Regiment mit Verlagslizenzen, Zensur und Papierzuteilungen. Viele neue Verlage entstanden aus solchen lokalen Gelegenheiten. Selbst nach Einführung der D-Mark und nach Gründung der Bundesrepublik änderte sich das nur teilweise. Der ganze Osten hinter dem ›Eisernen Vorhang‹ blieb verschlossen oder war wieder nur per Naturalhandel zu bedienen.
Jetzt aber, nach dem Fall der Mauer, nach der Öffnung eines kontinentweiten Binnenmarktes, nach Einführung einer europäischen Einheitswährung, nachdem jeder Wissenschaftler einen Datenautobahnanschluß hat, ist alles anders. Die Möglichkeiten, überregional zu wirken, sind multipliziert und in gleichem Maße auch der Konkurrenzdruck, dieses auch zu tun.
So gesehen brauchen wir uns nicht zu wundern über die Aufkäufe und Verkäufe von Verlagen und Programmteilen auf der Suche nach Synergieeffekten. Einer Profession von der Wiege bis zur Bahre alles zu bieten, was sie an Lehre und Fachinformation braucht, ist eine durchaus plausible Devise.
Läßt es sich unter diesen Vorzeichen noch vertreten, ein Verlagsprogramm über mehrere Fächer vorzulegen? Wohl nur dann, wenn damit Sympathieeffekte möglich sind. Das wiederum kann nur dann funktionieren, wenn es sich eben nicht um einen ›Gemischtwarenladen‹ handelt, sondern wenn dem vielfältigen Programm ein einsichtiges Motto zugrunde liegt.
Ist das artibus ingenuis des 19. Jahrhunderts heute noch einsichtig? (Den edlen Künsten, will sagen: den Wissenschaften gewidmet, die den drei großen Fragen der menschlichen Existenz nachgehen: Was können wir wissen? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir tun?) Sehen Sie selbst auf den folgenden Seiten!
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier 2/2002 im Februar 2002.]










