Nachhaltigkeit für die Wissenschaft

Wissenschaft ohne Fortschritt ist undenkbar. Mehr zu wissen, besser zu erklären, genauer oder sicherer vorauszusagen, oder bessere Kriterien für Entscheidungen ausarbeiten zu können, ist das Ziel jeder Wissenschaft. Das ist der Ansporn für alle, die in der Wissenschaft tätig sind. Gibt es da auch einen Platz für die neuerdings so viel gepriesene Nachhaltigkeit (oder in der neuen Lingua franca: sustainability)?

Ich denke: Ja, und zwar in mehrfacher Hinsicht.

In der Wissenschaft selbst braucht es Nachhaltigkeit im Sinne von dauerhafter Präsenz. Frühere Erklärungen und Theorien müssen weiterhin sichtbar und leicht greifbar bleiben. So und nur so können wir es vermeiden, schon einmal beschrittene und als falsch oder gefährlich erwiesene Wege der Erkenntnis ungewarnt noch einmal einzuschlagen, was mit den heutigen, erweiterten Möglichkeiten womöglich noch größere Gefahren mit sich bringt. Zum heutigen Fortschritt der Wissenschaft gehört also die Kenntnis über den vergangenen Fortschritt dazu, das heißt Kenntnis nicht nur über die fortentwickelten, sondern gerade auch über die nicht weiter verfolgten Wege samt der Gründe für ihre Vernachlässigung.

In der Wissenschaft braucht es aber auch Nachhaltigkeit im Sinne von Beständigkeit der Erklärungen. Auch eine noch so umstürzende neue Theorie muss sich erst noch bewähren: Sie muss besser erklären, bessere Voraussagen, bessere Entscheidungen ermöglichen als die alte. Und vor der entscheidenden Bewährung in der Praxis findet aus gutem Grund die argumentative Auseinandersetzung mit der alten, ›herrschenden Lehre‹ statt. Dazu ist es notwendig, dass diese in ihrer bestmöglichen Ausprägung nachhaltig präsent bleibt und deshalb wie ein Hindernis erst überwunden werden muss.

In beiderlei Hinsicht sind wir Verlage schon seit langem die bewährten Partner und Agenten der Wissenschaft für Nachhaltigkeit. Wir versuchen, das an Erkenntnissen und Darstellungen herauszufiltern, was nach unserem Dafürhalten auch in einigen Jahren noch von Wert sein wird. Wir bringen es in eine Form, die nach heutigem Wissen hinreichend dauerhaft ist. Und wir vertreiben es räumlich möglichst weit, nicht nur zur alsbaldigen Verbreitung des mitgeteilten Wissens, sondern auch, damit es umso sicherer zukünftige Gefährdungen überlebt. Je mehr Exemplare in der Welt sind, umso weniger kann der Brand einer einzigen Bibliothek ihren Inhalt endgültig vernichten.

In einem weiteren Sinne nachhaltig wirken Verlage, insoweit sie ihre Bücher nicht nur über den Raum, sondern auch über die Zeit vertreiben. Manche Bücher und ihre Ideen kommen zu früh und erleben ihre Resonanz erst später. Der Mohr Siebeck Verlag versucht deshalb, die Bücher für die jeweils nächste Forschergeneration lieferbar zu halten. Und weil zur Lieferbarkeit auch das Wissen darum gehört, dass sie und wie sie lieferbar sind, müssen wir auch dieses ständig neu verbreiten. Am aktuellsten geht das heute per Internet. Jeder, der schon einmal bei www.mohr.de zu Besuch war, ahnt, warum ein Verlag wie dieser auf dieses Medium nicht mehr verzichten kann. Es gibt aber noch eine andere Nachhaltigkeit im verlegerischen Handeln, nämlich die des Programms. Welche Themen, welche Bücher, Zeitschriften und elektronischen Dokumente ein Verlag herausbringt, das ändert sich. In einem Verlag für Wissenschaften ändert es sich mit deren aktuellen Themen und Kommunikationsbedürfnissen. Die dabei notwendige Experimentierfreude sollte aber mit einer Beständigkeit der Kriterien gepaart sein. Diese Anforderungen sind beide wichtig, sie widersprechen sich aber. Deshalb lässt sich ihre Balance nicht abstrakt erklären; sie erweist sich vielmehr in den Ergebnissen des Tuns und des Unterlassens.

Ein gedruckter Katalog wie dieser ist im Augenblick des Versands im Hinblick auf seine Einträge bereits veraltet. Aber er bietet, anders als einzelne Bildschirmseiten, eine Zusammenschau über Themen und Zeiten. So kann er wie an einer Perlenkette aufzählen, was die Nachhaltigkeit eines Verlagsprogramms ausmacht.

Diese Überlegungen sind nicht neu, sondern nach über drei Jahren fast unverändert aufgewärmt. Vielleicht ist das ja noch eine weitere Art von Nachhaltigkeit.

Georg Siebeck

[Geschrieben für den Gesamtkatalog 2005 im Dezember 2004; für den Katalog 2009 überarbeitet im August]

 

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