Karawanen der Erkenntnis

Durch die Wüste zog man schon früher nicht alleine, sondern vereinte sich zu Karawanen. Gegen unvorhergesehene Notfälle fühlte man sich so eher gewappnet, und vor allem auch gegen Wegelagerer.

Wenn man sich vorstellt, welche Dürrestrecken Monographien heute beim Aufbruch in die Öffentlichkeit vor sich haben, versteht man, dass sie kaum noch alleine auftreten, sondern fast nur noch im Konvoi einer einschlägigen Schriftenreihe. Warum ist das wohl so?

Die Schriftenreihe versammelt unter ihrer Überschrift thematisch verwandte, meist eigenständig geschriebene Bücher. Auf jeden neuen Band überträgt sich ein wenig von der angesammelten Reputation der Reihe. Wer für sich selbst und für andere wissenschaftliche Bücher kauft, ist auf derartige Orientierung geradezu angewiesen. Nicht selten werden wissenschaftliche Reihen sogar regelrecht abonniert.

Woher nimmt eine solche Reihe nun ihre so wichtige Reputation? Da sind zunächst ihre namentlich genannten Herausgeber (dazu manchmal auch ungenannte Gutachter), die mit ihrem Namen dafür einstehen, dass Thema und Standard der Reihe eingehalten werden. Da sind weiter auch die früheren Titel, die zeigen, wie das Themenspektrum ausgelotet wurde. Und da sind schließlich die Autoren früherer Bände, die inzwischen – hoffentlich – bekannte Forscher sind.

Schriftenreihen sind meist zu einem Teil Debütantenbälle der Wissenschaft – auf der Grundlage eines echten Generationenvertrages. Ihre einzelnen Monographien sind das Medium, in dem eine Wissenschaft größere Gedankengebäude errichten, kritisieren und bewahren kann. Wer immer sich eine größere Strecke in Neuland begibt, wird für eine einschlägige Reihe und die darin vorangegangenen Weggenossen dankbar sein.

Wie die Karawanen in der Wüste sind aber auch diese nie sicher vor Gefahr; Gefahr lauert einerseits von innen: Ein zu schwacher Mitläufer kann alle gefährden; und natürlich lauern Gefahren auch von außen: Sandstürme und versiegte Brunnen, andere Informationslawinen und totgeschrumpfte Bücher-Etats können hin und wieder abgewettert werden, aber nicht mehrmals und nicht dauernd.

Wenn Wissenschaft weiter voranschreiten soll, wenn neu Erkanntes zusammengefasst, wenn neue Gedankengebäude errichtet werden sollen, und wenn junge Wissenschaftler auch weiterhin zeigen können sollen, was sie an innovativer Kraft haben, dann müssen sich weiter Karawanen des Wissens bilden, müssen sie sich auf den Weg machen, und müssen sie eine Chance haben, anzukommen.

Georg Siebeck

[Geschrieben für den Katalog 1997/98 im Juli 1997.]

 

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