Junge Köpfe für Bücher

Wie Mehltau liegt eine allgemeine Mutlosigkeit über allem Denken und Tun. Die Arbeitslosenzahlen sind erschütternd, jeder ahnt aber, daß politischer Aktivismus keine neuen Stellen schafft. Im Gegenteil: Wer eine hat, bekommt noch Angst, daß damit auch seiner Stelle noch die Grundlage entzogen wird. Viel schlimmer als das ist aber, daß dadurch die Jungen, die in Ausbildung sind oder sich gerade anschicken, eine zu beginnen, völlig verunsichert werden.

Dabei braucht jede Volkswirtschaft, jeder einzelne Betrieb die Kraft und Phantasie der Jungen, ihre Unruhe und neuen Ideen, denn nur durch sie wird Zukunft einmal stattfinden.  Das gilt meiner Meinung nach in ganz besonderer Weise für die Büchermacher und -vertreiber.

Warum? – Das, was uns beschäftigt und ernährt, ist eines der ältesten Medien der Welt.  Es ist auch in vielerlei Hinsicht immer noch eins der besten: Es transportiert die schönsten Sprachkunstwerke und die klügsten Gedanken über Grenzen und über Generationen hinweg; es ist fast unverwüstlich; und es ist – Licht und Lesefähigkeit vorausgesetzt – jederzeit von jedem ohne weitere Zutaten zu benutzen. Deshalb gilt es als wertvoll, ja sinnvoll und kulturstiftend und ist demzufolge prestigeträchtig. Aber das alles kann schnell vergehen, wenn es nicht ständig mit neuen Inhalten, Erscheinungs- und Verbreitungsformen verbessert wird. Und wie anders, als mit immer wieder neuen, klugen Köpfen, soll das gehen?

In vielerlei Hinsicht sind das Buch und sein Gewerbe in einem Naturschutzpark: Wir haben eine Preisbindung, die den Preiswettbewerb auf der Handelsstufe ausschließt und damit von allen Stufen den Preisdruck der Käufer etwas fernhält. Wir haben ein Urheberrecht, das jedem Buch ein Monopol auf meist über 100 Jahre gewährt. Andere Branchen haben solche Zäune nicht, und auch wir können uns nicht allein auf sie verlassen.

Was ist denn, wenn die Zäune um unsern Park plötzlich fehlen oder große Löcher haben?  Je schwieriger die Bedingungen werden, so behaupte ich, umso mehr kommt es auf die handelnden Personen an. Es gilt also, immer wieder junge Leute für unsere Branche zu interessieren, sie gut auszubilden, ihnen wachsende Aufgaben anzuvertrauen und sie dabei zu begleiten, damit sie durch eigene Erfolge Vertrauen in sich selbst gewinnen und später einmal unsere Zukunft gestalten können.

Wir leben in einem Land, in dem nicht Krieg geführt wird und in dem die meisten öffentlichen Einrichtungen einigermaßen berechenbar funktionieren. Wer da nur jammert und schimpft, sehe sich einmal sonst in der Welt um. Wir arbeiten in einer Branche, die sich dank einiger Schutzzäune noch um die Qualität ihrer Produkte und Leistungen kümmern kann.Seien wir dankbar auch dafür.

Seien wir aber auch dankbar für die Chance, die sich heute bietet: Durch die schwierige allgemeine Situation gibt es viele kluge und interessierte Junge, die auf der Suche nach sinnvollen Aufgaben sind. Und durch unsere eigene schwierige Situation ist der Blick dafür geschärft, welchen von den vielen wir unsere Zukunft anvertrauen wollen, damit sie unsere kleine Welt einmal weiterführen werden. Jetzt gibt es deren viele, und jetzt wollen auch viele.  Wer weiß, wie es in ein paar Jahren aussieht!

Georg Siebeck

[Geschrieben für den Mohr Kurier 2/2005 im Mai 2005.]

 

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