Harry Potter und die Wissenschaft

Die Geschichte der Schulkarriere eines kleinen Jungen macht derzeit Furore auf dem Buchmarkt wie keine andere Geschichte zuvor.  Die Autorin ist in wenigen Jahren in die Riege der vier reichsten Frauen Großbritanniens aufgerückt.  Der Erstverkaufstag des vierten Bandes geriet in England und Amerika zum mitternächtlichen Happening, hier steht uns ähnliches bevor.  Der deutsche Verlag beschäftigt vier Druckereien mit der gigantischen Erstauflage von einer Million Exemplaren.  Die Buchvertriebs-Logistik steht vor einer nie gekannten Herausforderung.  Und derweil gehen die Verkäufe von Pippi Langstrumpf und Jim Knopf zurück, weil die Einkaufsbudgets der Buchhändler (und der schenkenden Omas und Tanten) erschöpft sind.

Hat dies auch Auswirkungen für den wissenschaftlichen Buchmarkt?

Die Literaturwissenschaft wird sich der Schule von Hogwarts annehmen; die Psychologie untersucht schon den Zusammenhang zwischen Harry Potter-Lektüre und Drogenkonsum (Stichwort: Flucht in die Zauberwelt); die Ökonomie wird Sonderkonjunkturen feststellen und möglicherweise einen produktinitiierten Strukturwandel.  Es wird also noch mehr wissenschaftliche Titel geben.

Vor allem aber wird eine Generation von Kids, denen man nur noch (wenn überhaupt) Häppchenlektüre zugetraut hat, sieben dicke Bücher gelesen haben.  (Oder kommt danach noch die Zauber-Akademie?)

Ich denke, dies ist vor allem ein Triumph für die Erzähl- und Fabulierkunst, und er stellt die Wissenschaft vor die Frage:  Bringt die Wissenschaft auch etwas Vergleichbares hervor?  Gelingt es einer wissenschaftlichen Autorin, ihre Leser genauso zu fesseln?  Eben nicht bezaubern oder verhexen, das tut J. K. Rowling auch nicht, jedenfalls nicht mit ihren Lesern.  Im Gegenteil:  Die erzählerischen Mittel sind relativ einfach, die literarischen Muster sind nicht neu.  Aber die Liebe zu den dargestellten Personen (nicht allen, natürlich), der Spaß an deftigen Charakterisierungen, der Sinn für komische Situationen und die Aufrechterhaltung der Spannung sind alle reichlich vorhanden.

Könnte man so nicht auch Kirchengeschichte schreiben, selbst eine Einführung ins Bürgerliche Recht oder in die Internationalen Finanzmärkte?  Es gab und gibt das hin und wieder:  Karl Popper hat so über die Vorsokratiker geschrieben, Rudolf Jhering über den Kampf um’s Recht.  Aber es gibt das viel zu selten.

Wenn Bücher heute und weiterhin noch Verbreitung finden sollen, dann müssen zuvörderst welche geschrieben werden, die ihre Leser fesseln.  (In der Wissenschaft sind dem Fabulieren dabei Grenzen gesetzt.)  Wir Verleger, und hier spreche ich sicher für alle Kollegen, werden diese dann gern zu Markte tragen.

Georg Siebeck

[Geschrieben für den Mohr Kurier 3/2000 im September 2000.]

 

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