Elektronische Mohr-Bücher

Seit den 1980er Jahren bekommen wir zunehmend mehr »Manu«-skripte in elektronischer Form. Sie sind im Prinzip für Computer aller Art lesbar und durchsuchbar – wenn nur die Vielfalt der Dateiformate nicht wäre. Wir betreiben dann einigen Aufwand, um daraus schwarz auf weiß gedruckte Bücher zu machen, die dicker, schwerer zu verschicken und im Prinzip für Computer nicht lesbar und durchsuchbar sind. Technisch gesehen, befördern wir also Produkte der Gegenwart in eine Galaxis der Vergangenheit. Verständlich, dass Techniker und Technokraten das belächeln und für Verschwendung halten.

Denen sei jedoch gesagt: Wir tun das nicht aus Nostalgie oder Verschwendungssucht. Wir tun es vielmehr, weil unsere Autoren und die Leser ihrer Bücher es weit überwiegend so und nicht anders wollen. Die Nachfrage nach elektronischen Büchern ist bisher sehr gering. Selbst bei den Zeitschriften, die viel kleinteiliger, nämlich in Form einzelner Aufsätze gelesen und zitiert werden, ist die Nachfrage nach unserem elektronischen Parallelangebot erstaunlich gering: Obwohl alle institutionellen Abonnenten ohne weitere Kosten für ihren ganzen Campus einschließlich »remote access« einen automatischen Zugang auf alle Ausgaben der letzten zehn Jahre freischalten könnten, haben das bisher erstaunlich wenige getan: Nur bei den ökonomischen Zeitschriften sind das deutlich über 50 %, bei den drei anderen vorwiegend englischsprachigen etwas über 30 %, bei allen anderen unter 10 %. Der Fortschritt ist hier also eher eine Schnecke.

Gleichzeitig beobachten wir, dass bei den Zeitschriften, die freigeschaltet sind, die Abonnentenzahlen wie überall leicht sinken, dass dort aber die Zahl der elektronischen Abrufe stark ansteigt. Offenbar ändert sich die Nachfrage relativ schnell und besonders dort, wo es ein gut zugängliches elektronisches Angebot gibt. Das gibt uns zu denken: Wir sollten also auch andere Inhalte als diejenigen der Zeitschriften elektronisch anbieten.

Dabei haben wir, denke ich, gute Gründe, die ordentlich gedruckte Ausgabe weiterhin in den Vordergrund zu stellen. Sie ist für Menschen bequemer und schneller lesbar; sie ist durch ihre »verfestigte« Form besser merkbar und zitierbar; sie ist jederzeit auch ohne Strom und zusätzliche Apparate zu benutzen; und für sie existiert ein über Jahrhunderte entwickeltes und bewährtes System der Katalogisierung und Bewahrung. Das sollten wir nicht aufs Spiel setzen und sollten deshalb mit dem neuen Angebot das alte ergänzen aber nicht ersetzen.

Bei der Überlegung, für welche Buchtypen ein solches Ergänzungsangebot sinnvoll wäre, stehen an erster Stelle Jahrbücher, Konferenz- und Sammelbände. Sie sind den Zeitschriften am ähnlichsten insoweit, als vor allem die einzelnen Beiträge wahrgenommen und zitiert werden. Deren Auffindbarkeit und »Ausleihbarkeit« würde durch ein elektronisches Angebot sicher verbessert. Aber an diesem Beispiel zeigt sich, auf was wir dabei achten müssen: Wenn wir die elektronische Form losgelöst von der gedruckten anbieten, ist gerade hier die Gefahr groß, dass für die letztere keine kalkulierbare Druckauflage mehr zustande kommt.

Da sind zweitens und für deren Nutzer noch viel dringender die Kommentare. Ein juristischer Großkommentar sollte in einer Kanzlei möglichst mehreren Anwälten leicht erreichbar zur Verfügung stehen. Hier gibt es aber eine ganz andere Schwierigkeit: Anders als in der Welt der natur- und geisteswissenschaftlichen Zeitschriften kennt die juristische Literatur kein für alle offenes und wechselseitig funktionierendes Verweis- und Zugangssystem. Vielmehr haben einige Großanbieter hier jeweils eigene, geschlossene Welten geschaffen, um den Zugang dazu besser kontrollieren zu können.

Hier besteht für uns die Herausforderung darin, wie wir unter solchen Umständen ein wirklich nützliches, eigenständiges Angebot machen können. Da sind drittens die Lehrbücher. Deren Adressaten gehören der Generation der »digital natives« an, und durch die »Bachelorisierung« der Studiengänge nutzen sie nur jeweils einzelne Kapitel eines Lehrwerkes wirklich intensiv. Hier werden wir dem Umstand Rechnung tragen müssen, dass Dozenten für diese Studiengänge einzelne Kapitel aus unterschiedlichen Lehrwerken für ihre Lehre zugrunde legen. Auch da sollte aber gewährleistet bleiben, dass noch »richtige«, das heißt ein ganzes Gebiet abdeckende Lehrwerke geschrieben und veröffentlicht werden, denn nur durch den entsprechenden Anspruch werden deren Einzelteile »anschlussfähig« und richtig proportioniert.

Und schließlich die Monographien und gar die Lexika: Sie haben in ihrer elektronischen Form ihre jeweils ganz besonderen Anforderungen und Möglichkeiten.

Es ist deshalb sicher keine allzu kühne These, dass die elektronischen Anbietungsformen für all das, was bisher gedruckt auf Papier und in festen Bänden erhältlich war, viel differenzierter hergestellt und vertrieben werden müssen. Wir suchen also nicht nach einer großen einheitlichen Lösung für alles. Vielmehr werden wir unser Angebot Stück für Stück, mit Fehlern und deren Verbesserung, entwickeln müssen, hartnäckig die dicken Bretter der Wissenschaft bohrend. Dabei den individuellen Stil zu bewahren, den unsere Autoren und Leser von uns erwarten und gewohnt sind, wird eine besondere, auch eine besonders schöne Aufgabe sein.

 

Georg Siebeck


[Geschrieben für den Mohr Kurier 2010/3 im September 2010, übersetzt von Jill Sopper im September 2010]

 

Nach oben | Zur Übersicht