Eine rationale Praxis der Tradition

Gibt es so etwas wie die Tradition eines Unternehmens? Für einen Verlag wie diesen denke ich: Ja. Aber, ob sich eine solche Tradition sichern läßt, ja gar, wie das gehen kann, darauf fällt die Antwort schwer.

Ein Verlag ist ja nicht nur ein Haus, nicht nur eine Ansammlung von Büros und von Büchern, sondern vor allem ein Beziehungsgeflecht zwischen vielen Personen, das formal durch Verträge, letztlich aber durch persönliches Vertrauen zusammengehalten wird. Auch das beschreibt aber nur den derzeitigen Zustand, nicht die Zukunft. Für die sind die Fähigkeiten und Einstellungen der in und für den Verlag handelnden Personen entscheidend. Die werden aber gelenkt durch die Tradition, die hier gelebt wird, oder, wie die heutige Organisationsforschung sagt, durch die ‚Unternehmenskultur‘, nach der die vielen Akteure miteinander umgehen.

Es ist ein Glück für jede Institution und erst recht für eine so persönliche wie einen Verlag, wenn sich die Kontinuität in den handelnden Personen sinnfällig zeigt. Ein solches Signal kann die Nachfolge innerhalb der Familie, gar unter gleichem Namen sein. Aber was ist, wenn eine solche Nachfolge nicht möglich oder nicht sicher ist? (Dieses Problem haben übrigens heute weit mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen!) Dann muß eine institutionelle Lösung gefunden werden, die die Fortsetzung der Tradition und der besonderen Kultur des Verlages möglichst wahrscheinlich macht. Und sie muß so rechtzeitig ins Werk gesetzt werden, daß die zukünftig handelnden Personen sich diese Tradition und Kultur aneignen können.

Das ist alles rational und aus dem Standardbaukasten einschlägiger Berater. Aber bringe ich es über’s Herz, die königliche Rolle des Einzelkaufmanns aufzugeben? Diese Frage hat mich in den letzten Jahren bewegt. Schließlich hat mich der glückliche Abschluß des Lexikons Religion in Geschichte und Gegenwart daran erinnert, daß zum verantwortlichen Umgang mit dem Erbe der Väter die Mitwirkung vieler erforderlich ist, und das hat mir die Entscheidung leichter gemacht. Wenn der Verlag in seiner Besonderheit seine Selbständigkeit behalten soll, darf er auf Dauer nicht vom Wohl und Wehe einer einzigen Person abhängig sein.

Die Familie soll diesen Verlag als Gesellschafter auch dann fortführen können, wenn keiner die Geschäftsführung übernehmen kann oder will. Deshalb wird er in eine Rechtsform überführt (GmbH & Co. KG), in der ich zunächst alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer bleiben kann, in der sich aber zu gegebener Zeit geeignete Familienmitglieder als Mitgesellschafter die Verlagstradition aneignen können. Vor allem aber können so Franz-Peter Gillig und Henning Ziebritzki neben mir die Geschäftsführung übernehmen. Sie sind vielen Autoren des Verlages bekannt und zeichnen schon seit Jahren für große Teile des Programms von Mohr Siebeck verantwortlich. Und sie stehen dafür, daß das Programm, der Inhalt der Bücher, das Bestimmende für den Verlag bleibt, und daß es weiter heißen kann: artibus ingenuis.

Georg Siebeck

[Geschrieben für den Mohr Kurier 3/2005 September 2005.]

 

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