Die Zukunft der Verlagskultur

Mit der Umgründung des Verlages in eine im Prinzip von der Person des Eigentümers getrennte »Firma« im Jahr 2005 habe ich ein Signal nach außen und innen gegeben, dass die jetzt für den Verlag handelnden Personen das auch auf längere Sicht bleiben sollen. Sie prägen seit Jahren und Jahrzehnten das, was das Besondere von Mohr Siebeck ausmacht: Welche Gebiete wir pflegen, ist für die Wahrnehmung des Programms wichtig, aber das noch entscheidender ist, wie wir das tun. (Dieses Wie lässt sich möglicherweise nicht auf beliebig viele Fächer übertragen, aber das ist ein anderes Thema!)

»Unternehmenskultur« nennt man das heute etwas hochtrabend, und für einen kurzen Moment will ich mich dieser Sprechweise bedienen, um einer Vermutung nachzugehen. Warum waren die letzten Jahre für den Verlag gute Jahre? Warum haben ihm immer mehr Autoren aus immer mehr Ländern immer mehr Bücher anvertraut? Und warum haben zugleich weiterhin Bibliotheken, Forscher, Lehrende und Studierende unsere Bücher und Zeitschriften trotz knapper Mittel erworben? Ich vermute, das verdankt der Verlag in erster Linie seinen Geschäftsführern und Mitarbeitern, übrigens mehrheitlich Mitarbeiterinnen. Deren Vertrauen wie auch das der Autoren und Kunden verdankt er wiederum einer, nennen wir es »Kultur«, die uns darin bestärkt, den Menschen und Problemen, mit denen wir zu tun haben, mit Respekt und Empathie zu begegnen und die uns anvertrauten Projekte zügig und zielführend zu begleiten.

Diese Kultur ist ein durch jahrelanges Handeln entstandenes, großes Gut und sie wäre in Gefahr, zu verwässern oder unterzugehen, wenn der Verlag in einem Konzern aufginge. Während meiner Ausbildung habe ich etwas Derartiges aus allernächster Nähe erlebt und mir deshalb die Selbständigkeit von Mohr Siebeck stets als oberstes Ziel gesetzt. Aber wie kann ich ein solches Ziel verfolgen, wenn ich damit rechnen muss, dass die eigenen Kräfte schwinden?

Für den Verleger von Max Weber liegt es nahe, über Institutionen zur Bewahrung der Selbständigkeit nachzudenken. So habe ich auch lange über eine Stiftung nachgedacht. Aber auch die wäre nur so etwas wie eine Festung, deren Stabilität letztlich von ihrer Besatzung abhängt. Und mit dem Bewahren allein ist es gerade nicht getan: Ein Verlag muss sich vielleicht noch mehr und noch schneller wandeln können als ein anderes Unternehmen und er muss dabei immer wieder zumindest den halben Kopf riskieren. Das ist er denen, die mit ihren Ideen zu ihm kommen, schuldig. Darum ist es gut, wenn auch auf der Eigentümerseite sichtbare Personen mit Respekt und Empathie entscheiden.

Deshalb wollte ich einen Verkauf immer ausschließen und habe mir gewünscht, dass meine Kinder den Verlag weiter tragen, wenn schon nicht oder nicht gleich im täglichen Betrieb, so doch als wohlwollende und verständnisvolle Gesellschafter im Hintergrund. In den vielen Gesprächen darüber wurde mir klar, dass ich meinen Töchtern Amely von Kapff Siebeck und Josephine Siebeck das zutrauen konnte. Sie kannten den Verlag vor allem als etwas, das der Vater im Kopf nachhause brachte und das sicher viel zu oft die Unterhaltung dominierte. Dennoch haben sie mich stets darin bestärkt, nicht an einen Verkauf zu denken und die Unabhängigkeit durch eigene Anstrengung zu bewahren. Und als ich ihnen klarmachte, dass ich dabei auch über mich hinaus denken müsse, sagten sie: »Wir werden die Verantwortung dafür übernehmen«. Ich gebe zu, ich habe das gern gehört.

Da habe ich mich darauf besonnen, dass auch mir mein Vater einige Jahre vor meinem Eintritt in den Verlag einen kleinen Anteil geschenkt hatte. Vielleicht ging es ihm in erster Linie darum, seinem potentiellen Nachfolger Erbschaftssteuer zu ersparen, vielleicht wollte er auch ein Signal des Zutrauens geben, für das ihm die Worte fehlten. Schließlich hat beides funktioniert, und ich übe seit über 30 Jahren den schönsten Beruf der Welt aus. Und zum Jahreswechsel habe ich meine beiden Töchter als (Minderheits-)Gesellschafter aufgenommen.

»Je älter ich werde, desto klüger wird mein Vater«; an dieses chinesische Sprichwort habe ich in letzter Zeit öfter gedacht.

Georg Siebeck


[Geschrieben für den Mohr Kurier 2011/1 im Januar 2011.]


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