Die Verführung zur Langsamkeit
Haben Bücher in der immer schneller werdenden Welt der Wissenschaft noch eine Chance? Was können das für Bücher sein und wie sollte ihr ›Drumherum‹ aussehen? Das sind Fragen, auf die ein Verlag wie dieser ständig neue Antworten suchen muß.
Was ist es denn, das Bücher heute gefährdet erscheinen läßt? Sie kommen in recht großen Lesestoff-Einheiten daher, und man muß gleich alles kaufen und unterbringen, um einen Teil davon zu nutzen. Sie sind recht teuer in der Anschaffung, weil eine Preisdifferenzierung schwierig ist und deshalb die Kosten in der Regel auf alle potentiellen Käufer gleichmäßig umgelegt werden. Sie sind nicht ohne weiteres mit Suchmaschinen durchsuchbar und benötigen beim Aufbewahren in größerer Anzahl viel Platz und eine ausgefeilte Infrastruktur, um sie nach unterschiedlichen Kriterien rasch wiederzufinden.
Und was ist es denn, das Bücher immer noch für die Wissenschaften (zumindest für einige von ihnen) unverzichtbar macht? Sie transportieren nicht nur den Inhalt sondern allen Lesekomfort, den eine gute Typographie und ein guter Druck auf geeignetem Papier bieten kann. Sie verführen dadurch zum Weiterlesen, also dazu, sich weiter in die Gedanken des Autors einzulassen. Sie sind dadurch prädestiniert für das gründliche, und das heißt: langsame und dafür nachhaltige Aufnehmen von Gedanken. Sie bieten durch das im Druck verfestigte Erscheinungsbild eine stabile und erwiesenermaßen besonders einprägsame Grundlage für die Aufnahme und das Wiederfinden von Formulierungen (»Das stand oben rechts am Ende eines Absatzes!«). Sie können, besser als Aufsätze oder elektronische Dokumente, einen systematischen Überblick über einen großen Ausschnitt oder Bereich eines Faches bieten, denn sie ermöglichen einen vielfachen, intuitiven Zugang.
Bücher sind also zur Weitergabe, Speicherung und Wiederaufnahme umfassender Gedankengebäude besonders geeignet, haben aber Probleme bei der sie umgebenden Logistik. Ein Verlag, der weiterhin Bücher für die Wissenschaft machen will, wird sich also sinnvollerweise darauf konzentrieren, solche Bücher zu machen, bei denen die spezifischen Vorteile des Mediums Buch zum Tragen kommen: nachhaltige Inhalte, systematische Darstellungen, Lehrtexte. Das ist nicht neu.
Gestaltung und Ausstattung der Bücher sollten sich danach ausrichten, die spezifischen Vorteile des Mediums Buch gegenüber anderen Medien auszuspielen. Das bedeutet klare Innentypographie ohne modische Kinkerlitzchen, damit die Leser sofort damit vertraut sind. Das bedeutet Satz in ausreichender Größe und sauberer Druck auf augenschonend getöntem, wenig durchsichtigem Papier. Und das bedeutet eine Bindung, die äußerste Flexibilität mit Dauerhaftigkeit vereint. Auch das ist überhaupt nicht neu.
Das ›Drumherum‹ gilt es also vor allem neu zu denken, weil sich die Bücher in einem ständig neuen Umfeld befinden. Das fängt mit Titel und Außengestaltung an. Heute müssen mehr als zuvor Titelformulierungen gefunden werden, die das Buch möglichst leicht auffindbar machen. Nach dem Motto: „Vom Bekannten zum Unbekannten“ sind hier also einfache und im jeweiligen Fach gebräuchliche Begriffe gefragt, die klar markieren, zu welchem Problemkreis das Buch Stellung nimmt. Die Außengestaltung sollte von dieser manchmal mühsam gefundenen, klaren Begrifflichkeit so wenig wie möglich ablenken. Daß ein Buch von außen dazu verführen soll, es anzufassen, möglichst auch aufzuschlagen, gilt für wissenschaftliche Bücher sicher auch, aber erst in zweiter Linie.
Das gewandelte Umfeld fordert aber vor allem ein stets neues Erfinden von Wegen, auf bestehende und entstehende Bücher aufmerksam zu machen. Wie und wo sollen sie angezeigt werden? Was an Inhaltsbeschreibungen, ja Inhaltsverzeichnissen und Registern dazu soll gezeigt werden? Wo soll das in gedruckter, wo in elektronischer Form geschehen?
Inhalt und Austattung dieser Vorschau haben sich deshalb in den letzten drei Jahren stark verändert. Die Anzeigen der Bücher in den Zeitschriften werden es alsbald tun. Und die Webseite www.mohr.de wird darin alsbald folgen. Leitende Prinzipien bei aller Änderung bleiben aber: Sorgfalt bei der Optimierung der Bücher für die Leser und Respekt vor den Autoren, Setzern, Druckern, Buchbindern, Buchhändlern, Bibliothekaren und Lesern, die die Welt der Bücherwelt aufrechterhält.
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier im Jahr 2003, aber dort nie gedruckt.]










