Das Gedächtnis des Verlages

In diesen Tagen schenkt der Verlag Mohr Siebeck sein Archiv der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Was hat uns heutige ›Mohren‹ dazu bewogen?

Zunächst eine Beobachtung: Ein Verlag ist eine seltsame Institution. Sein Lebenszweck ist es, stets Neues vorzulegen. Sowohl die Autoren als Erfinder dieses stets Neuen als auch dessen Käufer, in unserem Fall die Forscher, die Studenten und die sie versorgenden Bibliotheken, trauen ihm das aber vor allem dann zu, wenn er eine lange Tradition aufzuweisen hat. Eine solche Tradition wird oft mit einem weit zurückliegenden Gründungsdatum in Anspruch genommen. Wirksam werden kann sie aber nur durch eine Kontinuität entweder der handelnden Personen oder durch beständige Maximen ihres Handelns oder zumindest durch die beständige Aufzeichnung dieses Handelns.

Wenn wir heute auf bald 209 Jahre Mohr Verlag zurückblicken, so sehen wir da am Anfang Jakob Christian Benjamin Mohr, dessen akademische Verlagsbuchhandlung in Heidelberg mitsamt der dortigen Universität eine bedeutende wurde; aber eine Kontinuität zu ihm gibt es allenfalls im Was: Damals wie heute wurden vorwiegend Bücher von und für Akademiker verlegt. Wie die damaligen ›Mohren‹ das machten – und das scheint mir das entscheidende einer Verlagstradition zu sein – darüber wissen wir wenig. Mohrs Söhne verkauften den Verlag im Jahr 1878 an die Tübinger Siebecks ohne viele Aufzeichnungen mitzugeben. Die gibt es nur von der Käuferfirma, der im Jahr 1816 gegründeten Tübinger H. Lauppschen Buchhandlung.

Das Gedächtnis unseres Verlages darüber, wie wir mit welchen Autoren, Beratern und wichtigen Geschäftspartnern umgegangen sind, reicht also ›nur‹ 194 bzw. 132 Jahre zurück. Dennoch habe ich es immer als einen besonderen Schatz empfunden. Auf den ersten Blick beeindruckten mich die klingenden Namen, die sich darin reichlich finden, als da sind Adolf von Harnack, Max Weber, Hans Kelsen, Friedrich August von Hayek und Albert Schweitzer, um nur einige wenige zu nennen. Auf den zweiten Blick erschließt sich beim Lesen gleichzeitiger Briefe das Netzwerk, das die damaligen Verleger über Länder- und Fächergrenzen geknüpft haben, um die aus ihrer Sicht besten Manuskripte einzufangen.

Für uns heute Handelnde ist dieses Archiv darüber hinaus ein ganz besonderer Schatz, weil darin auch viele Interna verwahrt sind: Da sind die Personallisten, die uns erzählen, wer denn wann für den Verlag gearbeitet hat. Da sind aber auch die Kalkulationsbücher, die uns verraten, mit welchen Erwartungen damals verlegt wurde; da sind die Rezensionsbelege, die den Widerhall der wissenschaftlichen Kollegen spiegeln; da sind die Absatzkarteien, die die unerbittliche Korrektur der Erwartungen zeigen; und da sind die internen Korrespondenzen, mit denen sich die im Verlag Handelnden austauschten, wenn sie sich an unterschiedlichen Orten aufhielten.

All das hat sich als – wie die Historiker sagen – ›ungestörter Bestand‹ erhalten, vom 19. Jahrhundert bis heute ohne nennenswerte Lücken. Die Gespräche mit vielen, die in diesem Bestand geforscht haben, die Lektüre von deren Büchern und von vielen der darin zitierten Dokumente haben mir mehr über unsere Tradition verraten, als mir mein Vater jemals erzählen konnte.

Ich trenne mich also von dem so lange gehüteten Schatz, weil ich denke, dass wir heute im Verlag Arbeitenden daraus noch mehr für unser eigenes Handeln lernen können, wenn das Handeln unserer Vorgänger noch mehr erforscht und neu erzählt wird. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass dieser Archivbestand von wirklichen Könnern erschlossen wird, dass es also eine Schatzkarte dazu gibt, die zu erstellen mir die Staatsbibliothek versprochen hat. Die Eingangsfrage ist damit zur Hälfte beantwortet.

Das Zustandekommen dieses Schatzes verdanken wir den Wissenschaftlern, die dieses enorme Briefkorpus mit geschaffen haben, und zwar nicht nur, um ihre eigenen Werke zu veröffentlichen, sondern auch, um dabei zu helfen, für ihr Fach, für ihre aktuellen und zukünftigen Kollegen ein Netzwerk zu knüpfen, das ihre Werke über den unmittelbaren Wirkungskreis hinaus in die Welt trägt. Seine Erhaltung verdanken wir dem Glück, dass Tübingen im Krieg von Bomben verschont blieb. Ich betrachte diesen Schatz also als ein Geschenk der Wissenschaft und der Geschichte. Deshalb will ich ihn nicht verkaufen, sondern schenke ihn der Wissenschaft und der Erforschung ihrer Geschichte zurück. Das beantwortet die zweite Hälfte der Frage.

Und weil verlegerisches Handeln immer auch spekulativ ist, schließe ich mit einer Spekulation: Vielleicht wird die Erforschung unseres Verlagsarchivs ja dazu führen, dass verlegerisches Handeln nicht nur als Schmarotzertum an der Wissenschaft gesehen wird, wie das heute vielerorts in Mode ist. Vielleicht zeigt sich ja, dass unsere Vorgänger trotz aller ihrer Fehler hilfreiche Begleiter der Wissenschaft waren, die nach anderen Kriterien als denen einer lokalen Fakultät oder einer nationalen Forschergemeinschaft oder gar nach denen des Zeitgeists diejenigen wissenschaftlichen Erkenntnisse aufspürten, von denen sie vermuteten, dass sie über ihren Ort und über die Zeit ihrer Niederschrift hinaus verbreitenswert sind.

Wer glaubt, das besser oder billiger oder gar beides zu können, der möge gegen diesen weit über hundertjährigen Schatz der Erfahrung den Beweis antreten!

 

Georg Siebeck


[Geschrieben für den Mohr Kurier 2010/2 im Mai 2010.]

 

Nach oben | Zur Übersicht