Bücher für das Studium
Die Wissenschaft braucht für Fortbestand und Fortschritt vor allem einfallsreiche Köpfe. Doch führt Kreativität allein nicht unbedingt zu mehr oder besserem Wissen. Geschult sollten die Köpfe schon sein - an den Theorien früherer Köpfe zum Beispiel. Und jedenfalls sollten diese Theorien und Erkenntnisse jederzeit greifbar sein: als Bau- und Prüfsteine neuer Theorien. Dazu gab es und gibt es Bücher, und wird es auch neben anderen Medien noch weiter Bücher geben. Wo sonst könnte man denn an- und unterstreichen? Wie sonst könnte man unterschiedliche Systematiken nebeneinander legen, sie vergleichen und zu einem eigenen Urteil kommen? Wir wollen deshalb einen Überblick über die wissenschaftlichen Buchtypen mit den Büchern für das Studium beginnen.
Da sind zuallererst die Lehrbücher zu nennen. Sie haben einen ganz klaren Zweck: sie sollen den Stand einigermaßen gesicherter Kenntnis eines Gebietes darstellen, und zwar in der Regel für eine nachfolgende Wissenschaftlergeneration. Sie haben eine große Tradition in Gebieten mit einer gefestigten Fächeraufteilung und Systematik (z.B. Theologie, Jurisprudenz) oder mit einer enormen Menge an zu vermittelnden Fakten (z.B. Medizin). Lehrbücher stellen ihr Gebiet systematisch dar, das heißt in einer Gliederung, die der trdierten oder einer vom Verfasser vorgeschlagenen Einteilung der entsprechenden Wissenschaft entspricht. Sie erklären dabei auch, wie es zu dieser Einteilung kommt oder gekommen ist und diskutieren die Gründe dafür. Natürlich läßt sich so etwas knapp oder auch auf vielen Seiten darstellen. Nach Umfang kannt man die Lehrbücher etwa folgendermaßen unterteilen: Grundrisse liefern praktisch nur einen gegliederten Überblick; Lehrbücher im eigentlichen Sinne, heute nennt man sie um Mut zu machen häufig Kurzlehrbücher, stellen soviel an Gebiet dar und liefern soviel an Begründung, wie zu einem ordentlichen Examen nötig ist; große Lehrbücher schließlich gehen darüber unterschiedlich weit hinaus. Sie liefern die Glanzlichter für entsprechende Examina und entwickeln auch meist eigene Vorstellungen des Autors. Sie sind deshalb auch nach dem Studium wichtig für alle, die in ihrer Wissenschaft auch über den Tellerand des eigenen Spezialgebietes hinaussehen wollen.
Man kann die Lehrbücher aber auch unterteilen nach dem Studienabschnitt: es ist ja klar, daß ein Anfänger eine andere Darstellung braucht als ein Fortgeschrittenener. Da gibt es als erstes die Einführung, dann die Grundlagen oder, etwas altertümlich, die Grundlegung, und schließlich das Kompendium, in dem meist das Faktenwissen gegenüber der Systematik vorherrscht.
Etwas ganz anderes sind in vielen Gebieten die Einleitungen. Sie stellen meist die Voraussetzungen dar, unter denen eine bestimmte Wissenschaft überhaupt möglich ist, samt der Nachbardisziplinen und der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel. Hier gibt es keine typischen Begriffe, die auf den Umfang oder die Art der Darstellung schließen lassen. Lediglich eine relativ junge Variante ist vorzustellen: das Arbeitsbuch, das sozusagen (knappe) Einleitung, Lern- und Prüfanleitung in einem ist.
Jede Wissenschaft hat ihre Besonderheiten und deshalb auch entsprechende Buchtypen. Soweit ihre Sprache, ihre Methoden oder ihre Instrumente vom Alltagswissen entfernt sind, braucht bereits ein Anfänger Bücher, um diese Distanz zu überwinden. Das können dann Wörterbücher sein (in der Medizin z.B. ein 'klinisches' Wörterbuch), auch Grammatiken, wenn das Fach viel mit fremden Sprachen zu tun hat (in der Theologie z.B. eine Grammatik des neutestamentlichen Griechisch). Dem entsprechen in anderen Fächern Tabellen- oder Formelsammlungen.
Es gibt Fächer, die sehr viel mit Texten arbeiten (vor allem die Philologien, aber auch die Theologie, die Philosophie und natürlich die Jurisprudenz). Bereits der Anfänger braucht daher Textausgaben. Das ist ein weites Feld, das wir später einmal betrachten wollen. Für den Anfänger ist wichtig, sich gleich verläßliche, vor allem auch: zitierfähige Ausgaben zuzulegen: sie sollen ihn mindestens sein ganzes Studium über begleiten.
Für besonders zentrale Texte, zumal wenn sie erläuterungsbedürftig sind, braucht gerade auch der Anfänger einen Kommentar, der Stelle für Stelle, der Systematik des kommentierten Textes folgend, erläutert. Jede Erläuterung geschieht ja im Hinblick auf eine besondere Fragestellung; deshalb kann ein besonderer Studienkommtar, der vor allem Verstehenshilfen und systematisierende Hinweise gibt, sehr sinnvoll sein. Zur Erschließung von Texten ist oft eine Konkordanz unerläßlich, die Stichwörter des Textes alphabetisch auflistet und deren Stellen im Text verzeichnet. Zumal für Texte in sehr fremden Sprachen sind Übersetzungen empfehlenswert; sie erleichtern es, bestimmte Themen des Textes rasch zu erfassen. Deshalb sind heute viele Textausgaben für Studienzwecke gleich mit Übersetzungen versehen, am besten natürlich als Parallelausgaben mit Text und Übersetzung auf gegenüberliegenden Seiten.
Für die Vorbereitung auf Examina gibt es dann wieder andere, besonders zugeschnittene Bücher: das Repetitorium, in dem der Prüfungsstoff noch einmal schlagwortartig zusammengefaßt ist; die Fragensammlung, um sich auf die Examenssituation vorzubereiten; bei den Juristen entsprechend die Fallsammlung; die letzten beiden meist auch mit Lösungen in Grundzügen um die eigenen daran zu messen.
Bereits bei der Studienliteratur zeigt sich also die Ambivalenz wissenschaftlicher Bücher: sie sind Ergebnis oft Generationen langer, mühsamer Arbeit; und sie sind zugleich Grundlage und Werkzeug für weitere Wissenschaftlergenerationen.
Georg Siebeck
[Geschrieben für den Mohr Kurier 3/92 im September 1992.]










