Auch Verleger brauchen Vorbilder

Bei vielen Gelegenheiten habe ich schon betont, dass meiner Meinung nach die Verlegerei überhaupt nichts Geheimnisvolles oder gar Genialisches hat, und dass ihre Prinzipien vergleichsweise simpel sind, schon gar im Bereich der Wissenschaft: Halte Kontakt zu klugen Köpfen, ermuntere sie dabei, etwas Kluges zu schreiben, das andere kluge Köpfe interessiert, mache daraus oder lasse daraus von Fachleuten ordentliche Bücher machen und verkaufe diese auf den vertrauten und möglichst auf noch ein paar neuen Wegen. Die Herausforderung daran ist allenfalls, bei jedem dieser einzelnen Aspekte auch die anderen im Blick zu behalten. Im Hinblick darauf, was sie tun, dürfte es einen breiten Konsens darüber geben, dass alle Verlage gleich oder zumindest sehr ähnlich sind.

Als das Besondere eines bestimmten Verlages wird nun allgemein entweder sein Programm angesehen, also: Welche Bücher bringt er heraus?, oder seine Zielgruppe, also: Für wen bringt er seine Bücher heraus? Ich denke aber, dass etwas anderes noch viel wichtiger und für einen bestimmten Verlag bezeichnender ist, nämlich sein, sagen wir, Charakter, also: Wie macht dieser Verlag das alles?, und: Wie kommt er dazu, das so zu tun?

Als ich nun gestern vom Tod des Diogenes-Verlegers Daniel Keel erfuhr, und mir der Kalender sagte, dass dieser Mohr Kurier am 100. Geburtstag meines Vaters in die Welt hinaus geht, war mir klar, dass ich andere Pläne zurückstellen und diesmal über meine drei großen Vorbilder schreiben sollte.

An erster Stelle steht da mein Vater. Je älter ich werde, für desto klüger halte ich ihn, auch als Verleger. Er war es, der mich geschickt in diesen Beruf verführte, und er hat mir ein paar Grundtugenden vorgelebt: Beantworte Manuskriptangebote so schnell wie möglich, vor allem, wenn Du Nein sagen willst. Wissenschaft geht meist ernsten Fragen nach, deshalb versuche soviel Spaß wie möglich damit und mit den Autoren zu haben. Wissenschaftliche Bücher sollen als Marksteine über Jahrzehnte Orientierung bieten, gestalte sie deshalb funktional nüchtern. Fasse Verträge mit Autoren so kurz und klar wie möglich und halte Dich peinlich genau daran.

An zweiter Stelle steht da Carl Hanser, den ich als meinen eigentlichen Lehrer betrachte und dem ich als sein Sekretär auch kurze Zeit sehr nahe sein konnte. Er zeigte mir, dass ein Verleger für die Veröffentlichungsfreiheit seiner Autoren auch großem wirtschaftlichen Druck widerstehen muss, und dass man sich dafür vorher eine finanzielle Unabhängig­keit erarbeitet haben muss. Und er erklärte mir, warum ein Verleger Verständnis für die Eitelkeit von Autoren haben muss: Sie hilft ihnen, sich von ihren Werken zu trennen und sie in die Welt zu entlassen, von wo sie sich ja auch gegen sie wenden können.

Und an dritter Stelle stand da bis jetzt Daniel Keel, den ich persönlich kaum kannte, dessen Schriften und Taten ich aber wie sicher etliche Kollegen genau studierte: Er führte uns vor, dass man als Verleger über all das Erwähnte hinaus auch noch schlau sein muss. Er erfand das kleine Buch, das durch seinen weißen Grund besonders und durch die darauf gedruckten Motive aus großen Bildern so groß wurde, dass es mit anderen in der Wahrnehmung mithalten konnte. Er konnte dadurch den Druck der Leinenausgabe für eine Taschenbuchausgabe verwenden und so dem Autor eines weniger verkauften Buches die Schmach ersparen, seine Erstausgabe im Ramsch zu sehen. Und er war stets so klug, beim Lobpreis von Autoren die Lebenden ganz auszulassen, denn es gibt sonst immer welche, die sich übergangen fühlen.

Das musste mal gesagt werden, und jetzt konnte es gesagt werden, denn es gibt ja vielleicht auch eitle Verleger.


Georg Siebeck


[Geschrieben für den Mohr Kurier 2011/3 im September 2011.]




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